Liebe Redaktion unserer Rhein-Erft-Ausgabe von Kölner Stadt-Anzeiger und Rundschau,
mit großer Bestürzung haben wir von der Einstellung Ihrer Redaktion und den geplanten Veränderungen gelesen.
Wir haben dazu ein Schreiben an die Chefredaktion verfasst, das wir Ihnen auch zukommen lassen möchten. Wir lehnen die Veränderungen ab und halten sie für einen großen Fehler der Chefredaktion und des Verlages.
Darüber hinaus ist es uns sehr wichtig, Ihnen unsere Dankbarkeit und Hochachtung für die geleistete Arbeit der letzten Jahre auszusprechen. Ihre Arbeit wurde unter den veränderten Rahmenbedingungen immer schwerer und die Möglichkeiten des Lokaljournalismus wurden immer weiter zurückgedrängt. Sie wurde dabei oft von vielen nicht genug wertgeschätzt.
Wir als Mitglieder der Erftstädter Kulturvereine wissen, was wir an Ihnen haben.
Gerade weil die Bedeutung der Kultur in Zeiten schwieriger Haushaltslagen in den Kommunen häufig in Frage gestellt wird, sind es unsere Medien vor Ort, die herausstellen, dass wir vielen Menschen viel bedeuten und welchen positiven Einfluss Kunst und Kultur in den Städten haben.
Sie, Ihre Redakteurinnen und Redakteure, haben oft mit viel Hingabe über uns berichtet. Viele von Ihnen haben dabei nicht auf die Uhr geschaut, quasi unbezahlt Überstunden gemacht, um sich mehr als die eigentlich bezahlte Zeit für Veranstaltungen und Projekte zu nehmen.
Ihre Texte und Bilder wurden nicht auf die Schnelle durch eine seelenlose KI erstellt, sondern nach oft spannenden Gesprächen mit uns. Ihre Berichte wurden dabei gerade über uns oft am frühen Morgen oder spätabends dennoch mit Gefühl und mit echtem Interesse entwickelt. Ihre Artikel werden von uns nicht umsonst mit großer Spannung erwartet, gelesen und gesammelt. Sie sind oft auch ein Archiv über unsere Arbeit und werden häufig noch Jahre später herausgeholt und genutzt.
Wir ahnen sehr wohl, was die Einstellung Ihrer Redaktion bedeutet und dass wir Sie sehr vermissen werden. Nicht nur die fehlenden Berichte über unsere Kulturarbeit werden eine nicht zu unterschätzende Herausforderung für das Ehrenamt sein, denn Sie haben für unsere Veranstaltungen geworben, uns wertgeschätzt und vielen Lust auf die Vereinsarbeit gemacht.
Auch gilt für uns alle, dass uns der persönlichen Kontakt, die oft herzliche und über Jahre gewachsene vertrauensvolle Zusammenarbeit, sehr fehlen wird.
Wir wünschen Ihnen alles Gute und hoffen, dass Sie alle dennoch positiv in die Zukunft schauen können.
Mit freundlichen Grüßen
Ihre Kulturtreibenden vom Netzwerk kult-IG
An die
Geschäftsführung des Neven DuMont Verlages
Chefredaktion des Kölner Stadtanzeigers
Erftstadt, den 02.09.2026
Schließung der Lokalredaktionen und Kündigung von 57 Redakteuren des
KstA
Sehr geehrte Damen und Herren,
wir wenden uns an Sie im Namen zahlreicher Kulturschaffender aus Erftstadt, vieler Leser aus der Region und auch als selbst betroffene jahrelange Abonnenten des KStA.
Wir haben, gelinde gesagt, mit Entsetzen von Ihrer Entscheidung erfahren, 57 Vollzeitstellen nebst all den Freien Mitarbeiter:innen in den Lokalredaktionen zu kündigen und ihre Arbeit stattdessen von KI unterstützt abwickeln zu lassen. (s. WDR Berichterstattung aus dem August)
Ihre Entscheidung ist weder nachvollziehbar, noch erscheint sie uns in irgendeiner Weise kundenorientiert ausgerichtet zu sein.
Allein die Vernetzung aller Redakteure in den jeweiligen Regionen, die das Rückgrat journalistischer Kompetenz bildet, ist durch eine KI weder ersetzbar noch wünschenswert.
Ihr Vorhaben, fundierte journalistische Berichterstattung durch künstliche Intelligenz zu ersetzen, ist mehr als irritierend. Dass das nicht gelingen kann, ist wohl jedem klar. Oder meinen Sie, dass eine KI zwischen Banalem und Bedeutsamen unterscheiden kann, dass sie den Unterschied zwischen populistischer Meinungsmache und fundierter Recherche herauszufiltern versteht? Wie sollte das auch funktionieren? Nach Reizwörtern, die, wenn sie in eingereichten Texten vorhanden sind, präferiert oder ausschließt, je nachdem, wie die KI trainiert wird. Kann die KI über Fachkenntnisse, jahrelang erworbene Kontakte, inhaltliche Zusammenhänge verfügen? Wie das? Kann sie Vertrauen schaffen? Wohl kaum. Wird sie abends, an den Wochenenden womöglich sich
vor Ort ein Bild über bestimmte Ereignisse machen? Natürlich nicht, niemals. Letztlich ist eine KI dumm, denn sie klaubt lediglich zusammen, womit man sie füttert, empathielos, banal, schlicht.
Wir Leser und Nutzer einer Tageszeitung aber erwarten genau das. Wir möchten informiert werden und informiert sein über die Ereignisse bei uns vor Ort. Wir möchten dem, was wir lesen, vertrauen. Insbesondere die regionale Berichterstattung erfordert hochwertigen Journalismus, keine KI-generierten Texte. Überregionale Zeitungen gibt es viele in Deutschland, aber entscheidend ist Journalismus, der auch im Lokalen genauer hinschaut.
Gerade in unseren derzeit überhitzten Debatten, in Zeiten überhandnehmender sozialer Medien, die zu Recht aktuell hart abgestraft werden in den USA, braucht es das Vertrauen in guten Journalismus.
Sie haben eine enorme Verantwortung. Mehr denn je. Demokratische Strukturen brechen um uns herein ein, tagtäglich. Sie sind die „4. Gewalt“ im Staat, die wir dringend benötigen. Wenn wir die Zeitung aufschlagen oder
online lesen, wollen wir diesem Vertrauen folgen. Das ist, nebenbei bemerkt, auch ein Tauschgeschäft, denn wir sind bereit, dafür ziemlich viel Geld zu zahlen.
Sie mögen bei Ihrer Entscheidung von wirtschaftlichen Entscheidungen geleitet sein, und Ihr steigender Umsatzgewinn der letzten Jahre scheint Ihnen dabei in die Karten zu spielen. Sie wägen offensichtlich die Millionen-Einnahmen der Abonnenten – ein Jahresabo für etwas über 500€ für die online-Ausgabe bzw.
über 800€ für die gedruckte Version, mal ein paar tausend Abonnenten macht vielleicht ein paar Millionen aus – gegenüber den Personalkosten der Redakteur:innen mag sich das im Saldo positiv darstellen. Vielleicht ist das auch so. Andererseits kommt dabei natürlich aber auch die Frage auf, wieso Sie auf journalistische Kernkompetenz und Abo-Einnahmen verzichten wollen, wenn Sie 100 Millionen Euro Gewinn machen, wie bspw. im letzten Jahr.
Sie sägen den Ast ab, auf dem Sie sitzen.
Ihr Kerngeschäft sind Ihre Zeitungen. Neue Formate wie Wirtschaftskongresse, Datenplattformen, Marketing Technologien zeugen von den immergleichen Konzernstrategien, das ‚portfolio‘ zu diversifizieren, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Auch die Versuche aus der Vergangenheit, die Mediengruppe in der Bundesrepublik durch Aufkäufe anderer Zeitungen zu vergrößern, waren nicht von Erfolg gekrönt.
Wie sagen die Engländer? What is lost, is lost forever!
Oder in den eigenen Worten Ihres früheren Firmeninchefs Alfred Neven DuMont: „Eine Zeitung muss immer vor Ort aus einem Guss gemacht werden. (…) gegen den Willen einer Redaktion kriegen Sie (eine große Zentrale) vielleicht durchgesetzt, aber der Flurschaden ist riesig“.
In diesem Sinne appellieren wir an Sie, Ihren Entschluss noch einmal zu überdenken und nicht umzusetzen.
Mit freundlichen Grüßen
Die Kulturtreibenden des Netzwerks kult-IG
Zu kult-IG gehören:
Bernd-Alois-Zimmermann-Gesellschaft
Förderverein der Stadtbücherei Erftstadt
Geschichtskreis Kierdorf
Jazzin’Erftstadt
Kulturkreis Erftstadt
Köttinger Dorfleben
Künstlerforum SCHAU-FENSTER
Musikverein Friesheim
Szene 93